Was, wenn Salz-Packungen sprechen könnten?
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Von der Packung zur Haltung: Bad Reichenhaller ist seit Jahrzehnten eine der bekanntesten Salzmarken in Deutschland. Vielen Menschen fallen beim Wort „Salz“ zuerst die leuchtend gelben und blauen Packungen ein, die sie seit jeher kennen. Aber eine starke Marke darf nicht in Nostalgie steckenbleiben, wenn sie für zukünftige Generationen relevant bleiben möchte.
Mit der kürzlich gestarteten Kampagne „Eine Prise selbstgemacht“ wollen wir die Marke Bad Reichenhaller deshalb in der Wahrnehmung emotional neu aufladen und modernisieren: weg von der produktfokussierten Kommunikation, hin zu einer Haltung, die sagt: Kochen ist nicht nur Nahrungszubereitung – es ist immer auch kreativer Ausdruck deiner selbst.
Es geht in der Kampagne also nicht in erster Linie darum zu konvertieren, sondern die Marke mit Inspiration, Lust am Selbermachen, Mehrwert und Motivation aufzuladen, sie als Möglichmacher zu positionieren. Und dabei den Menschen Spaß am Kochen und Selbermachen zu vermitteln.
Neben Motiven, Filmen und Rezepten beweisen wir den Kampagnensatz „Eine Prise selbstgemacht“ auch im echten Leben. Und zwar genau dort, wo Menschen konkrete Hilfe beim Selbermachen brauchen – nämlich direkt beim Kochen auf der Salz-Packung, die sie in der Hand halten.
Unser Startpunkt
Normalerweise endet eine Kampagne ja im Supermarktregal: neues Design, neuer Claim, fertig. Bei Bad Reichenhaller fängt die Jahreskampagne 2025/26 genau dort erst richtig an. Unsere Frage war: Was, wenn die Salzpackung nicht nur neu aussehen würde, sondern auch etwas Neues im Sinne der Kampagnenidee leisten könnte?! Nämlich dir auf deine Fragen antworten und beim Selbermachen helfen.
Herzstück und Proof of Concept wurde dabei der Kampagnen-Charakter Salty Sam, ein Genusscoach, der in zwei Welten lebt – als echter Mensch vor der Kamera und als KI-gestützter Video-Avatar, der den Menschen 24/7 auf ihren Devices zur Verfügung steht.
KI-Sam liefert Antworten auf alle Fragen rund ums Kochen und Würzen, individuelle Rezeptideen, fertige Rezeptinspirationen, Küchen-Hacks und Produktinfos. Oder man plaudert einfach nur so mit ihm über Kulinarik.
Im Handel tragen ihn alle 500-g-Packungen im neuen Kampagnendesign, kombiniert mit Claim, QR-Code und CTA zum direkten Interagieren mit dem Produkt in der Hand. So wird aus der Packung Kontaktpunkt, Service, Branded Entertainment und Kommunikationskampagne mit Mehrwert in einem.
Salty Sam: Genusscoach hoch 2
Um einen Charakter zu schaffen, der zur Marke passt und KI-Mehrwert auf sympathische Weise integriert, brauchten wir mehr als einen reinen Avatar.
Der Genusscoach „Salty Sam“ ist in der Kampagne deshalb eine reale Person und gleichzeitig auch ihr virtueller Zwilling. Verkörpert wird er vom Münchner Schauspieler Markus Kayl, der dem Genuss-Coach Gesicht und Persönlichkeit verleiht und ganz in seiner Rolle des persönlichen Salz-Assistenten aufgeht. Er hilft beim Selbermachen und wird so zum Sprachrohr der Marke im digitalen Raum.
Seine Skills umfassen Sprachwitz, Schlagfertigkeit und gutes Storytelling, Salz-, Food- und Genusswissen und das Talent, es für eine größere, insbesondere jüngere Zielgruppe spannend und unterhaltsam rüberbringen zu können; außerdem die Interaktion mit genau diesen Usern auf Social Media, sowie Moderation und Förderung interaktiver Formate, um Engagement zu treiben.

Vom Dreh und Shooting zum Avatar: Wie wir den digitalen Zwilling gebaut haben
Damit der virtuelle Sam auch natürlich wirkt, haben wir den KI-Setup und Look schon vor Dreh und Fotoshootings mitgedacht: Licht, Kameraperspektiven, Mimik, Sprechweise – alles beeinflusst, wie gut sich daraus ein glaubwürdiger Avatar trainieren lässt.
Dazu Paul Krauss und Georg Neumann:
„Beim Videotraining für Avatare unterscheidet sich der Prozess deutlich von einem klassischen Werbedreh: Statt Storytelling oder Inszenierung steht technische Präzision im Vordergrund, weil die Aufnahmen direkt als Trainingsdaten dienen. Sprache, Mimik und Haltung müssen klar, konsistent und möglichst zeitlos sein, damit das Material später vielseitig wiederverwendbar ist. In einem komprimierten Clip muss alles drinstecken, was den Charakter ausmacht – wie er fragend, wartend, zuhörend und sprechend aussieht. Das Herantasten daran war ein spannender Prozess.
Der entscheidende Wow-Moment kommt dann nach dem Training: wenn Sprache, Lippensynchronität und Avatar zum ersten Mal sauber zusammenspielen und der digitale Sam neue Inhalte natürlich präsentiert. Ab diesem Punkt wirkt er nicht mehr wie ein generiertes Video, sondern als annähernd eigenständige, digitale Person.
Beim Training für das Bild-KI-Modell für Stills von Salty Sam war die Herangehensweise die Folgende: Hier zählte die maximale Varianz. Wir haben hunderte von Fotos mit Sam in unterschiedlichen Outfits, Settings, Emotionen und Posen geschossen, um ein flexibles Modell zu bekommen und volle kreative Freiheit bei der Generierung zu haben. Durch den sauberen Trainingsdatensatz können wir problemlos auf die neuesten Modelle aufsetzen und bleiben bei der rasanten KI-Entwicklung immer am Ball. Wenn dann die ersten Fotos in Top-Qualität aus der KI kommen, ist man oft selbst kurz geschockt – weil jede Ecke und jede Kante von Sam realitätsnah wiedergegeben wird.”
Was unter der Haube passiert: Architektur & Logik
Hinter dem scheinbar lebendigen Avatar steckt eine smarte Architektur, die mehrere Dinge zusammenbringt:
Kulinarisches Fach-, Produkt- und Markenwissen, den User-Kontext (z.B. Zutaten im Kühlschrank, Ernährungspräferenzen), eine Avatar-Engine, die Sprache, Mimik und Gestik in Echtzeit zusammenführt, Salty Sams Markenpersönlichkeit und verschiedene Safety Rails.
So kann Sam witzig, inspirierend und emotional individualisierte Rezepte und Tipps generieren, die sich wie „echte Hilfe“ und nicht wie generische KI-Ausgabe anfühlen.
Dazu Paul Krauss:
„Stellt man Salty Sam eine Frage, egal ob Text oder Audio, so wird sie von unserem Backend (App Service) entgegengenommen, wo das KI-Modell (Azure OpenAI) unter anderem die exklusive Rezeptdatenbank von Bad Reichenhaller via AI Search Service abfragt, um eine kulinarisch fundierte Antwort zu generieren.
Die Notwendigkeit des Charakter-Klonens (im Fachjargon Persona Design) war entscheidend, um Salty Sam als digitalen Zwilling des Schauspielers Markus Kayl und damit als authentischen Genuss-Coach der Marke zu etablieren. Im System-Prompt wurde seine gesamte Persönlichkeit – charmant, humorvoll und kompetent – detailliert festgelegt, um die statischen Inhalte in eine fesselnde, menschliche Schnittstelle zu verwandeln, die Vertrauen aufbaut und die Markenidentität von Bad Reichenhaller als sympathischer Motivator verkörpert.
Durch dieses Zusammenspiel von Wissensbasis und KI-Content-Layer entsteht der Antworttext, der dann an die Avatar-Engine HeyGen gesendet wird. HeyGen erzeugt daraus in Echtzeit die realistische Sprachausgabe und die bildliche Darstellung von Salty Sam für eine nutzerfreundliche Interaktion.
Der aus technischer Sicht spannende Kniff ist die konsequente Einhaltung der Datenschutzbestimmungen, da wir bewusst keine Nutzerdaten speichern und alle Komponenten ausschließlich in der EU hosten und adäquate Fallback-Systeme bereitzustellen, um vom Service Heygen unabhängig zu sein.„
Analog vs. Digital
Kreativ wollten wir die Doppelrolle nicht „weginszenieren“, sondern sie bewusst betonen und zum Unterhaltungs-Feature machen:
In der Kommunikation stehen die beiden mit einem liebevollen Konkurrenzverhältnis, das regelmäßig zu unterhaltsamen Auseinandersetzungen führt: Wer kennt die besseren Hacks? Wer hat die kreativere Rezept-Idee? Wer ist der bessere Genusscoach?
Das geht in ihrem Vorstellungsvideos los und setzt sich innerhalb der Kampagne in diversen Formaten fort, z.B. Salty Sam vs Salty Sam Quiz-Duellen auf Social Media bis hin zu Battle Rap-Videos – immer abgeschmeckt mit einer Prise salzigem Humor. Man kann also jetzt schon gespannt darauf sein, was sich noch alles zwischen den beiden ereignen wird.
Eine Plattform fürs Selbermachen
„Eine Prise selbstgemacht“ ist als Jahreskampagne 2025/26 angelegt – also kein kurzer Flight, sondern eine Plattform, auf der immer neue Inhalte andocken können: TV- und Online-Filme, Social-Content, Rezepte, Creator-Formate, Handelspromotions – und eben unser dauerhaft verfügbarer Genusscoach.
Die KI-Lösung ist dabei kein Tech-Gimmick, sondern sinnhafter Teil von etwas Größerem:
- Die Marke wird vom reinen Absender zum ständigen Ansprechpartner.
- Social Media, Rezeptwelt und Packung sind inhaltlich und technisch verbunden – statt isolierte Silos zu bleiben.
- Jüngere Zielgruppen erleben Bad Reichenhaller als Marke, die Handwerk, Qualität und Technologie verbindet.
Was wir gelernt haben
Für uns als Team war klar: Wenn wir schon KI einsetzen, dann nicht als Buzzword, sondern als Mehrwert-Lösung für Nutzer:innen und Marke.
Learnings, die wir mitnehmen:
- Figur schlägt Feature: Ohne eine klare Persona wie Salty Sam bleibt ein KI-Chatbot abstrakt. Mit ihm aber wird sie anschlussfähig, sympathisch und spiegelt den Markencharakter.
- Service schlägt Show: Rezeptideen, Hacks und konkrete Hilfe im Alltag sind am Ende wichtiger als jedes schöne Werbemotiv mit gewitzter Headline. Wenn User:innen merken: „Das hilft mir wirklich beim Kochen und Selbermachen“, dann spricht das perfekt für die Marke.
- Kollaboration schlägt Silos: Die Kombination aus Kampagnenkreation, KI-Architektur und Trainings-Expertise hat hier den entscheidenden Unterschied gemacht.
- Insights schlagen KPIs: Die Findings aus den Dialogen mit den Selbermacher:innen geben uns Aufschluss und Insights zu Produkten und Marke. Wir können sie anonymisiert verarbeiten und in Zukunft über ein eigenes GPT analysieren und befragen.
Und das Wichtigste: Man braucht einen außergewöhnlichen Kunden mit einer tollen Marke, der Mut und Vertrauen in sein Agency-Team hat, um zusammen etwas Neues zu schaffen, anstatt einfach nur Werbung zu machen.