Bruddle(H)R: Warum es oft schwerfällt, das Positive zu sehen
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Kennen Sie diese Tage? Eigentlich ist alles völlig okay. Das Tagesgeschäft läuft stabil und geordnet vor sich hin. Doch genau da liegt die Krux: Man schließt abends den Laptop und spürt eine leise, zähe Frustration. Nichts Schlimmes ist passiert, aber man ertappt sich plötzlich dabei, nicht vollends erfüllt zu sein und sich an Kleinigkeiten aufzuhängen. Der Blick auf das, was gerade fehlt, wird quasi zum Dauergast: Das Tool nervt, der Prozess hakt. Alles plätschert so dahin, man verwaltet stoisch den Status quo – und flüchtet sich in ein mürrisches Meckern, während man alten Zeiten hinterhertrauert, in denen gefühlt alles noch dynamischer, aufregender und bedeutungsvoller war. Die Herausforderung dabei: Durch dieses innere Nörgeln und den wehmütigen Blick zurück verpassen wir es, das Positive im Hier und Jetzt zu sehen. Am Ende des Tages bleibt das unbefriedigende Gefühl, zwar beschäftigt gewesen zu sein, aber die eigene Energie eigentlich nur mit unzufriedenem Raunen verschwendet zu haben. In genau solchen Momenten ertappt man sich im modernen Arbeitsleben ganz schnell in einer Rolle, die wir – mit einem liebevollen Augenzwinkern – gerne als den „Bruddler“ bezeichnen.
Für alle, die des Süddeutschen nicht ganz mächtig sind: Ein „Bruddler“ ist eine Person, die oft mürrisch, unzufrieden oder nörgelnd durch den Tag geht. Sie sucht das Haar in der Suppe, noch bevor das Wasser überhaupt kocht. Kombiniert man diesen wunderbaren Begriff mit „HR“ für Human Resources, entsteht der Bruddle(H)R: Ein Zustand, in dem wir im Personalwesen oder in der Beratung vor lauter To-dos, administrativen Hürden oder kulturellen Herausforderungen das Bewusstsein für das Positive verlieren. Nachdem ich in meinem letzten Artikel beleuchtet habe, was HR vom Bundesliga-Sommer lernen kann, möchte ich heute eine Ebene tiefer gehen und eine provokante Frage in den Raum stellen: Warum verbringen viele Menschen mehr Zeit mit Negativem und zu wenig Zeit mit dem Positiven – und wie brechen wir aus dieser Negativspirale aus?
Das psychologische Dilemma: Wenn die Routine den Zauber raubt
Der Grund für unseren inneren Bruddler ist tief in unserer Psychologie verwurzelt. Erinnern Sie sich noch an Ihre allerersten Wochen im Job? An diesen unbändigen Drang, festgefahrene Strukturen aufzubrechen, verkrustete Prozesse zu modernisieren und für die Menschen im Unternehmen wirklich etwas zu bewegen? Damals herrschte Euphorie, ein unaufhaltsamer Antrieb. Im Laufe einer Karriere – und des Lebens allgemein – nimmt nicht nur die Anzahl an ersten Malen drastisch ab. Es schleicht sich mit der Zeit oft auch eine gewisse Frustration ein, wenn mühsam erarbeitete Initiativen verpuffen, Budgets gekürzt werden oder der erhoffte Wandel ausbleibt. Die logische Konsequenz? Wir stumpfen ein Stück weit ab – ein Schutzmechanismus unseres Gehirns, der uns jedoch in Teilen die Begeisterung raubt.
Wo früher aufregendes Neuland war, regiert irgendwann die Routine. Wenn wir zum zehnten Mal eine Restrukturierung begleiten oder die zwanzigste Gehaltsrunde moderieren, schaltet unser Gehirn auf Autopilot. Ohne das Neue verlernt das Gehirn das Staunen und fokussiert sich stattdessen auf das, was hakt. Die Routine killt die Galligkeit (absolute Entschlossenheit) und füttert den „Bruddle(H)R”.
Dabei wusste schon Hermann Hesse (1877 – 1962) in seinem berühmten Gedicht „Stufen“: „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“ Wenn wir also positiver werden wollen, müssen wir lernen, diesen Zauber des Anfangs wieder bewusst in unseren HR-Alltag einzuladen. Doch wie gelingt das, wenn der Kalender voll und der Alltag stressig ist?
Internationaler Rückenwind: Mit Ikigai, Lagom, Meraki & Co. aus der Nörgelfalle
Um den “Bruddle(H)R” in uns zu besiegen, hilft ein Blick über den Tellerrand – genauer gesagt nach Japan, Schweden oder Griechenland. Hier lassen sich exemplarisch Lebensphilosophien finden, die uns Anregungen für mehr Zufriedenheit bieten:
- Ikigai – Das Fundament des Sinns: Das japanische Konzept des Ikigai („das, wofür es sich zu leben lohnt“) sucht die Schnittmenge aus vier Elementen: Was liebst du? Worin bist du gut? Was braucht die Welt? Und womit kannst du Geld verdienen? Oft rutschen wir in den „Bruddle(H)R-Modus”, weil wir die Verbindung zu unserem persönlichen Ikigai verloren haben. Wir verwalten nur noch, statt zu gestalten. Wenn wir uns jedoch wieder darauf besinnen, warum wir diesen Beruf gewählt haben – nämlich um Menschen zu entwickeln und Arbeitswelten zu formen –, entfachen wir das innere Feuer neu.
- Lagom – Die Kunst der Balance: Die schwedische Philosophie Lagom bedeutet übersetzt so viel wie „nicht zu viel, nicht zu wenig, genau richtig“. Der „Bruddle(H)R” leidet oft an einem ungesunden Perfektionsanspruch. Wir wollen die perfekte Candidate Journey, das fehlerfreie Feedback-System und die lückenlose Mitarbeiter:innen-Zufriedenheit. Scheitert das an der Realität, folgt der Frust. Lagom lehrt uns die sanfte Mitte: Zufriedenheit mit dem, was gut ist, und das Akzeptieren von Unperfektheit. Es ist das bewusste Feiern der kleinen Erfolge, ohne sich im Optimierungswahn zu verlieren.
- Meraki – Die Dosis Herzblut gegen das Abstumpfen: Dieses wunderbare griechische Wort beschreibt die Haltung, eine Aufgabe mit absoluter Hingabe, Seele, Kreativität und Liebe zu tun – so sehr, dass man am Ende ein Stück von sich selbst in der Arbeit hinterlässt. Wenn Frustration eintritt und wir emotional abstumpfen, tun wir Dinge oft nur noch „nach Vorschrift“. Meraki ist das direkte Gegenmittel zum Autopiloten. Es erinnert uns daran, selbst in scheinbar trockene Prozesse, Konzepte oder herausfordernde Gespräche wieder eine persönliche, empathische Note einzubringen. Wer mit Meraki arbeitet, wertet das eigene Tun von der Pflichtaufgabe zum seelenvollen Handwerk auf.
Der ultimative Shift: Warum Visionen mehr als Ziele sind
Um dauerhaft den Sprung von der nörgelnden Passivität in die motivierte Gestaltungskraft zu schaffen, reicht es jedoch nicht, uns einfach nur neue Vorgaben zu machen. Viele HR-Abteilungen hangeln sich starr von einem SMART-Ziel zum nächsten. Doch reine Ziele greifen meist nur auf der kognitiven Ebene. Sie steuern das „Was tun?” im Außen, sind endlich und fühlen sich oft wie eine Last an.
Wenn wir wirklich resilienter und positiver werden wollen, brauchen wir mehr als Meilensteine. Wir brauchen eine echte Vision. Visionen sind weit mehr als bloße Ziele. Während ein Ziel handlungsleitend ist, wirkt eine Vision sinnstiftend und identitätsbildend. Sie ist der Leuchtturm in der Ferne, der uns das große „Wofür?” beantwortet.
Ziele entfalten erst dann ihre wahre, nachhaltige Kraft, wenn sie in eine übergeordnete Vision eingebettet sind. Ein schlichtes Vorhaben wie „Wir müssen bis Quartalsende das neue Feedback-Format für alle Führungskräfte verpflichtend einführen“ kann ermüden. Koppeln wir dieses Ziel jedoch an die Vision „Wir etablieren eine lebendige Kultur des Vertrauens, in der offener Austausch kein Pflichtprogramm, sondern der Motor für persönliches Wachstum ist“, wandelt sich die Energie komplett. Das Ziel wird vom lästigen „Muss“ zum Meilenstein auf einem Weg, der uns wirklich am Herzen liegt.
Die Visionsarbeit aktiviert dabei vier entscheidende Dimensionen, die uns helfen, das Bruddeln hinter uns zu lassen:
- Mindset (Innere Haltung): Erlaube ich mir eine wachstumsorientierte Haltung, die in Möglichkeiten statt in Grenzen denkt? Ein mächtiger Hebel für dieses Mindset liegt bereits in unserer Sprache: Wenn wir aufhören, von „Problemen“ zu sprechen, und sie stattdessen konsequent als „Herausforderungen“ begreifen, verändert sich sofort unser Fokus. Ein Problem wirkt wie eine Blockade, eine Sackgasse. Eine Herausforderung hingegen ist eine Einladung – sie weckt unseren sportlichen Ehrgeiz und regt die Gestaltungskraft an.
Dazu braucht es jedoch ein entscheidendes Fundament: Vertrauen. Es ist kein sprachlicher Zufall, dass in diesem Wort das Wörtchen „trauen“ steckt. Erst tiefes Vertrauen – in die eigenen Fähigkeiten, in das Team und in den Prozess – schenkt uns den Mut, uns wirklich etwas zu trauen und Herausforderungen voller Zuversicht aktiv anzugehen. - Skillset (Fähigkeiten): Visionieren und positiv bleiben ist auch ein Handwerk, das Fähigkeiten wie Selbstreflexion, Perspektivwechsel und kreative Strategien erfordert. Welche Kompetenzen habe ich bereits, um komplexe Zukunftsbilder für mich und mein Team greifbar zu machen, und welche möchte ich noch stärken?
- Toolset (Umsetzungswerkzeuge): Wie verankere ich die Vision konkret im Alltag? Hier kommen Werkzeuge wie regelmäßige Check-ins, Zukunftsszenarien, Vision Boards oder feste Routinen (wie ein kurzes morgendliches Fokus-Journal) ins Spiel. Auch der gezielte Austausch mit Visions-Partner:innen hilft, das innere Bild im Alltag präsent zu halten.
- Feelset (Emotionale Verbindung): Ohne Emotionen bleibt jede Vision ein abstraktes Konstrukt auf dem Papier. Erst wenn das Zukunftsbild in uns echte Vorfreude, Dankbarkeit oder Begeisterung auslöst, entfaltet es seine Kraft. Dieses emotionale Fundament gibt uns die nötige seelische Resilienz, um den täglichen „Stresseinladungen“ gelassen zu begegnen.
Fazit: Farewell, Bruddle(H)R!
Es ist Zeit, den Bruddle(H)R in den wohlverdienten Ruhestand zu schicken. Ja, der Alltag im Unternehmen bringt täglich neue Rahmenbedingungen mit sich. Aber wir haben in jedem Moment selbst die Wahl, ob wir die Routine unser Denken regieren lassen oder ob wir bewusst den Zauber des Anfangs suchen.
Indem wir unser persönliches Ikigai freilegen, die Balance von Lagom praktizieren, Hingabe im Sinne von Meraki walten lassen und unsere täglichen Ziele an eine inspirierende Vision koppeln, verändern wir nicht nur unsere eigene Wahrnehmung. Wir verändern die Kultur unseres gesamten Umfelds. So entfalten wir selbst die größte Hebelwirkung im Unternehmen – nutzen wir sie, schalten wir den „Bruddle(H)R” aus und richten wir den Blick wieder auf das, was möglich ist („Your only limit is YOU!”)!
„Ein Optimist, der sich in seinen Idealen getäuscht sieht, hat immer noch ein erfüllteres Leben als ein Pessimist, der sich bestätigt sieht.“Stay
positive Richard David Precht