Positivität im HR

Bruddle(H)R: Warum es oft schwerfällt, das Positive zu sehen

29.07.2026
Lesezeit: 6 Min

Kennen Sie diese Tage? Eigentlich ist alles völlig okay. Das Tagesgeschäft läuft stabil und geordnet vor sich hin. Doch genau da liegt die Krux: Man schließt abends den Laptop und spürt eine leise, zähe Frustration. Nichts Schlimmes ist passiert, aber man ertappt sich plötzlich dabei, nicht vollends erfüllt zu sein und sich an Kleinigkeiten aufzuhängen. Der Blick auf das, was gerade fehlt, wird quasi zum Dauergast: Das Tool nervt, der Prozess hakt. Alles plätschert so dahin, man verwaltet stoisch den Status quo – und flüchtet sich in ein mürrisches Meckern, während man alten Zeiten hinterhertrauert, in denen gefühlt alles noch dynamischer, aufregender und bedeutungsvoller war. Die Herausforderung dabei: Durch dieses innere Nörgeln und den wehmütigen Blick zurück verpassen wir es, das Positive im Hier und Jetzt zu sehen. Am Ende des Tages bleibt das unbefriedigende Gefühl, zwar beschäftigt gewesen zu sein, aber die eigene Energie eigentlich nur mit unzufriedenem Raunen verschwendet zu haben. In genau solchen Momenten ertappt man sich im modernen Arbeitsleben ganz schnell in einer Rolle, die wir – mit einem liebevollen Augenzwinkern – gerne als den „Bruddler“ bezeichnen.

Für alle, die des Süddeutschen nicht ganz mächtig sind: Ein „Bruddler“ ist eine Person, die oft mürrisch, unzufrieden oder nörgelnd durch den Tag geht. Sie sucht das Haar in der Suppe, noch bevor das Wasser überhaupt kocht. Kombiniert man diesen wunderbaren Begriff mit „HR“ für Human Resources, entsteht der Bruddle(H)R: Ein Zustand, in dem wir im Personalwesen oder in der Beratung vor lauter To-dos, administrativen Hürden oder kulturellen Herausforderungen das Bewusstsein für das Positive verlieren. Nachdem ich in meinem letzten Artikel beleuchtet habe, was HR vom Bundesliga-Sommer lernen kann, möchte ich heute eine Ebene tiefer gehen und eine provokante Frage in den Raum stellen: Warum verbringen viele Menschen mehr Zeit mit Negativem und zu wenig Zeit mit dem Positiven – und wie brechen wir aus dieser Negativspirale aus?

Das psychologische Dilemma: Wenn die Routine den Zauber raubt

Der Grund für unseren inneren Bruddler ist tief in unserer Psychologie verwurzelt. Erinnern Sie sich noch an Ihre allerersten Wochen im Job? An diesen unbändigen Drang, festgefahrene Strukturen aufzubrechen, verkrustete Prozesse zu modernisieren und für die Menschen im Unternehmen wirklich etwas zu bewegen? Damals herrschte Euphorie, ein unaufhaltsamer Antrieb. Im Laufe einer Karriere – und des Lebens allgemein – nimmt nicht nur die Anzahl an ersten Malen drastisch ab. Es schleicht sich mit der Zeit oft auch eine gewisse Frustration ein, wenn mühsam erarbeitete Initiativen verpuffen, Budgets gekürzt werden oder der erhoffte Wandel ausbleibt. Die logische Konsequenz? Wir stumpfen ein Stück weit ab – ein Schutzmechanismus unseres Gehirns, der uns jedoch in Teilen die Begeisterung raubt.

Wo früher aufregendes Neuland war, regiert irgendwann die Routine. Wenn wir zum zehnten Mal eine Restrukturierung begleiten oder die zwanzigste Gehaltsrunde moderieren, schaltet unser Gehirn auf Autopilot. Ohne das Neue verlernt das Gehirn das Staunen und fokussiert sich stattdessen auf das, was hakt. Die Routine killt die Galligkeit (absolute Entschlossenheit) und füttert den „Bruddle(H)R”.

Dabei wusste schon Hermann Hesse (1877 – 1962) in seinem berühmten Gedicht „Stufen“: „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“ Wenn wir also positiver werden wollen, müssen wir lernen, diesen Zauber des Anfangs wieder bewusst in unseren HR-Alltag einzuladen. Doch wie gelingt das, wenn der Kalender voll und der Alltag stressig ist?

Internationaler Rückenwind: Mit Ikigai, Lagom, Meraki & Co. aus der Nörgelfalle

Um den “Bruddle(H)R” in uns zu besiegen, hilft ein Blick über den Tellerrand – genauer gesagt nach Japan, Schweden oder Griechenland. Hier lassen sich exemplarisch Lebensphilosophien finden, die uns Anregungen für mehr Zufriedenheit bieten:

Der ultimative Shift: Warum Visionen mehr als Ziele sind

Um dauerhaft den Sprung von der nörgelnden Passivität in die motivierte Gestaltungskraft zu schaffen, reicht es jedoch nicht, uns einfach nur neue Vorgaben zu machen. Viele HR-Abteilungen hangeln sich starr von einem SMART-Ziel zum nächsten. Doch reine Ziele greifen meist nur auf der kognitiven Ebene. Sie steuern das „Was tun?” im Außen, sind endlich und fühlen sich oft wie eine Last an.

Wenn wir wirklich resilienter und positiver werden wollen, brauchen wir mehr als Meilensteine. Wir brauchen eine echte Vision. Visionen sind weit mehr als bloße Ziele. Während ein Ziel handlungsleitend ist, wirkt eine Vision sinnstiftend und identitätsbildend. Sie ist der Leuchtturm in der Ferne, der uns das große „Wofür?” beantwortet. 

Ziele entfalten erst dann ihre wahre, nachhaltige Kraft, wenn sie in eine übergeordnete Vision eingebettet sind. Ein schlichtes Vorhaben wie „Wir müssen bis Quartalsende das neue Feedback-Format für alle Führungskräfte verpflichtend einführen“ kann ermüden. Koppeln wir dieses Ziel jedoch an die Vision „Wir etablieren eine lebendige Kultur des Vertrauens, in der offener Austausch kein Pflichtprogramm, sondern der Motor für persönliches Wachstum ist“, wandelt sich die Energie komplett. Das Ziel wird vom lästigen „Muss“ zum Meilenstein auf einem Weg, der uns wirklich am Herzen liegt.

Die Visionsarbeit aktiviert dabei vier entscheidende Dimensionen, die uns helfen, das Bruddeln hinter uns zu lassen:

Fazit: Farewell, Bruddle(H)R!

Es ist Zeit, den Bruddle(H)R in den wohlverdienten Ruhestand zu schicken. Ja, der Alltag im Unternehmen bringt täglich neue Rahmenbedingungen mit sich. Aber wir haben in jedem Moment selbst die Wahl, ob wir die Routine unser Denken regieren lassen oder ob wir bewusst den Zauber des Anfangs suchen.

Indem wir unser persönliches Ikigai freilegen, die Balance von Lagom praktizieren, Hingabe im Sinne von Meraki walten lassen und unsere täglichen Ziele an eine inspirierende Vision koppeln, verändern wir nicht nur unsere eigene Wahrnehmung. Wir verändern die Kultur unseres gesamten Umfelds. So entfalten wir selbst die größte Hebelwirkung im Unternehmen – nutzen wir sie, schalten wir den Bruddle(H)R” aus und richten wir den Blick wieder auf das, was möglich ist (Your only limit is YOU!”)!

„Ein Optimist, der sich in seinen Idealen getäuscht sieht, hat immer noch ein erfüllteres Leben als ein Pessimist, der sich bestätigt sieht.“
Stay
positive
Richard David Precht

Der Autor
Director HXM-Transformation
Lucas
Senzel
Motivierend, begeisternd und kreativ – das ist Lucas. Mit seiner mitreißenden Art begeistert er Unternehmen, Mitarbeiter:innen und Arbeitskolleg:innen für HR-Transformation.
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