Inspiring Leadership und vertikale Führung
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Sie möchten Ihre Mitarbeiter:innen wirksam führen und wissen nicht, wo Sie beginnen sollen? Das ist völlig normal – und gleichzeitig eine große Chance für persönliches Wachstum. Denn es besteht noch viel Entwicklungsbedarf: Einer Studie der Universität Bielefeld zufolge beschreiben 85 % der Kununu-Nutzer:innen toxisches Führungsverhalten. Beschäftigte wünschen sich mehr Wertschätzung, Klarheit und respektvolle Kommunikation seitens ihrer Führungskraft.
Wie das konkret gelingen kann, erklärt Tobias Mayer, Experte für Selbstführung & Kultur sowie Gründer von the beautiful unleashed truth, im Gespräch mit unserem Manager HXM-Transformation, Felix Ehrenfels. Im Interview sprechen beide über vertikale Entwicklung als tiefgreifenden Wandel der eigenen Denkweise, Perspektive und Bewusstheit – und darüber, wie eine inspirierende, moderne Führungskultur entsteht.
Wenn wir über moderne Führungskräfteentwicklung sprechen: Wo siehst du aktuell die größten Herausforderungen?
Wir bewegen uns nach wie vor stark zwischen horizontaler und vertikaler Entwicklung. Der Bedarf an horizontaler Entwicklung ist weiterhin hoch: Programme, Seminare, Workshops, Kommunikationstrainings, Konfliktmanagement, KI-Schulungen. Alles, was Fähigkeiten und Kompetenzen erweitert.
Gleichzeitig brauchen wir deutlich mehr vertikale Entwicklung: Persönlichkeitsentwicklung, Selbstführung, innere Reifung. Es geht nicht um ein „entweder oder“. Beide Richtungen sind notwendig. Entscheidend ist, dass wir diese Balance bewusster wahrnehmen.
Wie nimmst du den Markt aktuell wahr? Setzen Unternehmen schon auf beides – vertikal und horizontal – oder eher eindimensional?
Der Fokus liegt klar auf horizontaler Entwicklung. Das machen wir seit Jahrzehnten. Unser Bildungssystem ist ähnlich strukturiert: Schon ab der Schule geht es stark um Wissensvermittlung und weniger um Persönlichkeitsentwicklung. Genau hier braucht es einen Wandel.
Wir bereiten Führungskräfte seit vielen Jahren darauf vor, auf der organisatorischen „Bühne“ zu glänzen: gute Ergebnisse liefern, Konflikte lösen und professionell auftreten. Doch bei Entwicklung geht es vor allem um die Menschen hinter dieser Bühne.
Wir brauchen weniger Business Cases und mehr echte Lebensgeschichten – Beispiele von Menschen, die zeigen, wie sie zu der Persönlichkeit geworden sind, die sie heute sind.
Das fehlt in der heutigen Entwicklungslandschaft noch deutlich.
Was ist für dich die goldene Regel guter Führung?
Gute Führung beginnt bei dir selbst. Erst wenn du dich selbst gut führen kannst, kannst du auch andere führen. Warum gerätst du mit bestimmten Kolleginnen und Kollegen immer wieder in Konflikte? Warum fällt dir Feedback schwer? Warum verspürst du in Diskussionen manchmal den Druck, besonders glänzen zu müssen?
Selbstführung ist der Schlüssel zu guter Mitarbeiterführung.
Ganz klar gesagt: Als Führungskraft musst du Menschen mögen. Wenn du dich selbst in bestimmten Bereichen nicht magst oder viele ungelöste innere Themen mit dir herumträgst, fällt es schwer, andere anzunehmen. Es geht nicht darum, mit allen befreundet zu sein, sondern um die Fähigkeit, echte Verbindung zu Menschen aufzubauen oder zumindest Wertschätzung zu zeigen, selbst wenn ihr nicht auf derselben Wellenlänge seid.
Wir sprechen viel über Führungsmodelle – transaktional, transformational, situativ. Wo ordnest du inspirierende Führung ein?
Gar nicht. Inspiring Leadership ist kein Modell, sondern eine Haltung.
Wenn du dich selbst wirksam führst, gut für deine Gesundheit sorgst, dich abgrenzen kannst und in Stresssituationen innerlich stabil bleibst, entsteht inspirierende Führung fast von selbst. Es braucht keine weitere Methode, kein weiteres Label. Führung wird stark, wenn sie von innen nach außen gedacht wird.
Es geht um Authentizität, Selbstklärung, innere Stabilität.
Steigert diese Haltung auch die Resilienz meiner Mitarbeitenden?
Ob die Resilienz der Mitarbeitenden automatisch steigt, kann man nicht garantieren. Aber eine Führungskraft, die mit inspirierender Haltung unterwegs ist, geht anders mit Druck und Stress um, fördert Potenziale und Entwicklung, begleitet Menschen intensiver und schafft ein deutlich konstruktiveres Miteinander.
Dadurch sinken Konfliktkosten und die Zusammenarbeit wird resilienter.
Was wäre der erste Schritt, um sich vertikal zu entwickeln? Gibt es einen universellen Einstiegspunkt?
Intuitiv würde ich sagen: Ja. Nicht als Technik, sondern als Haltung. Der erste Schritt ist Ehrlichkeit – dieses Innehalten, in dem du aufhörst, dich durch deine Rolle zu bewegen, und stattdessen wirklich wahrnimmst, wo du gerade stehst. Was funktioniert tatsächlich, und was ist nur noch Kompensation? Wo bist du wirksam und wo reagierst du im Autopiloten?
Solange du vollständig mit deinen Reaktionen identifiziert bist, entwickelst du dich nicht vertikal. Du wiederholst dich nur – auf höherem Niveau. Der Einstieg ist deshalb kein „mehr tun“. Es ist ein innerer Schritt zurück: Raum schaffen, Regulation herstellen, Klarheit zulassen. Und dann aus dieser Klarheit heraus handeln. Alles Weitere baut darauf auf.